Dienstag, 10. September 2013

„Glück auf!“ – und runter ins „weiße Gold“


„Glück auf!“: diesen Bergmannsgruß hört man heutzutage nur noch selten – dafür ist das aber mitten im Ländle möglich. Unter Tage können Besucher im Salzbergwerk Bad Friedrichshall-Kochendorf (Kreis Heilbronn) viel über die Steinsalzgewinnung früher und heute erfahren – und über die Zeit, als dort eine Abteilung eines KZ eingerichtet worden war.

„Glück auf!“ – so begrüßt ein Kumpel die Besucher, die den rund zwei Kilometer langen Rundgang nach den Kassen in einer kleinen Ausstellung im Förderturm des Schachts König Wilhelm II. beginnen. Er ist einer von den Hunderten, die seit der Vollendung dieses Schachts 1899 hier schon gearbeitet haben, und von denen einige am Anfang der Tour vorgestellt werden. Das Bergwerk ist seit 1994 nicht mehr aktiv, Salz abgebaut wird heute noch unweit entfernt in Heilbronn, wo allerdings nicht öffentlich besichtigt werden kann. Insgesamt 700 Kilometer lang sind die in jahrelanger Arbeit in den Berg getriebenen Wege unter den beiden Orten, die miteinander verbunden sind.
Glück brauchen die heutigen Besucher aber wohl kaum, auch wenn der Förderkorb für die 30-Sekunden-Fahrt nicht allzu vertrauenserweckend wirkt, zumal am Ende die Zahl 180 steht: für die Tiefe in Metern. Doch die Sicherheit wird regelmäßig geprüft, heißt es. Und das mag bei den gigantischen Dimensionen lange dauern: immer spektakulärer werden die Räume, durch die der Rundweg führt.

So will etwa die Vitrine in der Geologiekammer, die mit 145,5 Metern die nach eigenen Angaben längste der Welt sein soll und einen Bohrkern mit den kompletten Steinsalzschichten aus dem nahegelegenen Schacht Konradsberg zeigt, nicht enden. In der Technikkammer sind es dagegen die riesigen Maschinen und lauten (Schau-)Explosionen, die einen guten Eindruck von der früheren Arbeit unter Tage vermitteln – zusammen mit dem Dämmerlicht und der leicht feuchten Luft mit etwa 18 Grad.
Die technische Entwicklung bis in die Neuzeit veranschaulicht die Hightechkammer – sie wurde im Jahr 2011 in nur 30 Tagen von einem Continuous Miner geschaffen. Der Koloss macht einen Höllenlärm, wenn sich seine Stahlzähne in das weiche Salzgestein graben, wie ein auf eine riesige Fläche projizierter Film zeigt. Den Abschluss bildet der Kuppelsaal, 25 Meter hoch und mit Salz- und Gesteinsringen durchsetzt. Ergänzt wird der denkmalgeschützte Rundweg um zahlreiche Schautafeln und Kuben vollgepackt mit Infos rund ums „weiße Gold“ – Baden-Württemberg gehört mit fünf Tonnen gefördertem Steinsalz pro Jahr übrigens zur europaweiten Spitzengruppe der Produzenten (mehr zur Geschichte der Südwestdeutschen Salzwerke gibt es hier und zur Salzgewinnung im Land hier).

Doch bei all dem Lärm und durchdringenden Bässe, die die Geräte unter Tage von sich geben: es gibt auch stille Momente. So etwa im Kristallsaal mit der kühl-glatten, ins Gestein geformte Kanzel, und natürlich in dem Teil der zweiten Kammer auf dem Rundweg, der an die Nazizeit erinnert. Die bombensicheren Stollen wurden für die Rüstungsindustrie genutzt und Häftlinge eines Konzentrationslagers sollten eine Fabrik anlegen und Teile für Flugzeuge herstellen. Zur Wiedereröffnung des Besucherbergwerks Ende April 2012 kamen auch zwei ehemalige der insgesamt 1700 Gefangenen. Laut den ursprünglichen Planungen im offiziellen Festprogramm hätten sie nur wenige Minuten des Gedenkens bekommen – und das, obwohl es für den örtlichen Bürgermeister nur dank der Förderung der KZ-Gedenkstätte das Besucherbergwerk gibt, dessen Finanzierung auf der Kippe stand. Gleich neben der Ausstellung gibt es ein weiteres Zeugnis des Dritten Reichs: Waggons und eine Projektion von Bombern erinnern daran, dass während des Kriegs unter Tage auch zahlreiche Kunstschätze eingelagert worden sind.

Eingelagert wird auch heute noch: die Hohlräume, die durch den Salzabbau entstanden sind, werden verfüllt, wie es bei der Südwestdeutschen Salzwerke AG heißt. Riesige weiße Säcke stehen aneinander gereiht in einzelnen Seitengängen. Sie können ein wenig angsteinflößend wirken, vor allem, wenn eine kurze Internetsuche ergibt, dass im Heilbronner Salzbergwerk teilweise schwach radioaktiver Müll in den Säcken ist. Trotz alledem: ein Besuch in Kochendorf lohnt definitiv.

Besuch
Öffnungszeiten: samstags, sonn- und feiertags von 9.30 bis 16 Uhr (letzte Einfahrt), allerdings nur noch bis zum 3. Oktober.
Anreise motorisiert: Von der Autobahnausfahrt Heilbronn/Neckarsulm ein Stück auf der B 27 in Richtung Bad Friedrichshall/Mosbach die Ausfahrt Bad Friedrichshall-Kochendorf nehmen, von dort aus gut ausgeschildert. Mit der Bahn: direkt neben dem Besucherbergwerk ist der Bahnhof Bad Friedrichshall-Kochendorf.
Eintritt: 9 Euro für Erwachsene, Kinder/Schüler bis 18 Jahre zahlen 5 Euro. Ermäßigungen für Gruppen – alles aber nur cash bezahlbar.

Im Land gibt es noch eine weitere Möglichkeit, sich über die Salzgewinnung zu informieren, und zwar im Kalisalzbergwerk Buggingen.